Diskurs & Vermittlung

Heile Welt:Kriege

Fiktiver Versuchsaufbau: In einem durchschnittlichen deutschen Ort existieren Kriegerdenkmal und Heimatverein friedlich nebeneinander. Der „gesunde Menschenverstand“ durchlüftet kontinuierlich die pittoresken Straßen. Es geht uns gut. 

Eines Tages nun finden die meisten Bewohner:innen des Ortes einen ominösen braunen Umschlag in ihren Briefkästen. DinA4-Format. Ohne Eselsohren oder Absender. Die erschrockenen Gemüter sehen sich ungefragt mit den Wehrmachtsakten ihrer Väter, Großväter und Verwandten aus dem zweiten Weltkrieg konfrontiert.* Alle Telefonleitungen sind tot. Die Straßen dicht. Und selbst die frisch gestrichenen Fassaden fangen an zu bröckeln.

Nationalsozialismus und Holocaust sind in Deutschland Familiengeschichte. Öffentliche Erinnerungskultur versucht, diesem Fakt Rechnung zu tragen. Aber wie verhalten sich Aufklärung und historisches Wissen zu den Narrativen, die in Familien und Freundeskreisen lebendig sind? 
Welche Folgen hätte eine unausweichliche Konfrontation: „Opa, der Nazi“?
Welche Loyalitätskonflikte brechen auf? 
Wer solidarisiert sich mit wem?
Wie sind Ambivalenzen im eigenen Nahbereich aushaltbar? 
Wie stark ist der Wunsch, sich selbst in eine kontingente (Familien-)Geschichte einordnen zu können?

Heile Welt:Kriege sucht nach kollektiven Gedächtnissen in einer Gegenwart, in der sich die „heile Welt“ einiger weniger nur deshalb weiterdreht, weil andere Realitäten und Perspektiven gewaltsam ausgeblendet werden.
Heile Welt:Kriege fragt nach den Auswirkungen, die der Umgang mit nationalsozialistischer Vergangenheit heute zeigt. 
Fragt nach den Zusammenhängen mit der besorgniserregenden Normalisierung rechten Denkens im öffentlichen Diskurs. 
Und weist darüber hinaus: auf die Dynamik von Reden und Schweigen als solcher. 

Work in progress, Stand 21. Februar 2022

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR.

*Auf die Bitte des Bundesarchivs hin zitiere ich hier folgende Anmerkung: „Das Bundesarchiv weist ausdrücklich darauf hin, dass das Szenario eines vollständigen fremden Zugriffs auf personenbezogene, rechtlich geschützte Daten sowohl in analoger als auch in digitaler Form aufgrund vielfältiger Sicherheitsmaßnahmen praktisch ausgeschlossen werden kann.“