Theatertext

FORMALIN

Theatertext

von Carina Sophie Eberle

Salomé ist eine Frau der Zukunft. Virtuos knüpft sie physische wie virtuelle Beziehungen, weiß die Liebe bis zur Neige auszukosten und klettert mit Leichtigkeit und Glanz und Gloria auf der Karriereleiter nach oben: Salomé proudly presents, Ladies and Gentlemen… Und blackout.

Es ist unglaublich: Salomé versagt im wichtigsten Moment ihrer Karriere. Im entscheidenden Augenblick stottert sie und schweigt. Ein so unprofessionelles Verhalten hat natürlich Konsequenzen. Zu schwach, zu leise, zu wenig belastbar, zu zornig, das war jetzt aber zu laut, Salomé. Es ist klar, dass Sie so Ihren Job nicht behalten können. Es ist klar, dass ich so nicht mehr mit dir zusammensein kann. Es ist klar, dass Salomé so ihre Illusionen verliert. 

Sie verzettelt sich in den Fragen ihres hämmernden Herzens, vergisst Zeit, vergeudet Raum: Wäre es ohne Gefühle nicht leichter? Fände sie ohne diese wuchernden Emotionalitäten nicht eher zu Erfolg und damit zur Ruhe in der Gesellschaft? Aus der tiefsten Verzweiflung heraus taucht – ein Glück! – ihr Kindheitsfreund Felix auf. Weiß weisen Rat. Der Chirurg entwickelt Organe aus dem 3D-Drucker. Brandneu: Herzen. Spezialklinik sucht Probandin. Salomé, hast du Lust? Und Zeit? Und Abenteuergeist? 

Warum nicht! Und so findet Salomé endlich zu sich selbst. Sie ist eine Frau der Zukunft. Virtuos knüpft sie mit übermenschlicher Energie physische wie virtuelle Beziehungen, weiß die Liebe bis zur Unkenntlichkeit auszukosten und setzt sich mit automatisierter Souveränität über alle Karriereleitern der Welt hinweg: Applaus, hier kommt sie, eine Pionierin, die Ikone einer ganzen Generation, Salomé, oh, Salomé! Applaus!

Besetzung variabel, mindestens 3 Spieler:innen

entstanden im Winter 2020/21, frei zur Uraufführung